Das Rheingold
Rheingold – Wagner
Was kommt einem bei Wagner in den Sinn?
Pathos? Mit Sicherheit!
Und das so viel – manchmal sicherlich etwas zu viel – Leidenschaft und Überschwang und vor Allem halb vergessene Götter und Antagonisten derselben geradezu nach Staubwedel und Modernisierung schreien, mag Manchem nahe liegend erscheinen.
Es stellt sich aber doch die Frage, ob die nahezu minimalistische Inszenierung Rheingolds durch das Freiburger Theater noch in den Bereich der Erträglichkeit fällt.
Um die Struktur einer konstruktiven Kritik zu erfüllen, seien hier die zwei positiven Kommentare aufgeführt – An den Anfang damit, dass sie später nicht mehr abzuhaken sind:
Wundervolles Orchester, großartige Sänger!
(Wenn Letztere leider erst nach gut fünfzehn Minuten aufgetaut schienen.)
Das war’s.
Und das sind Rohmaterialien.
Fangen wir mit der Technik an:
Unser Theater ist arm!
Das ist alles was mir durch den Kopf geht, wenn ein Stück stundenlang, vier Bilder hindurch unter der selben Beleuchtung (wohlgemerkt eine eher weniger originelle) zu stehen scheint.
Man kommt auf die Idee, der Zuständige hätte den Schalter umgelegt, um danach noch zehn weitere Jobs ausfüllen zu müssen.
Raub, Intrige und Mord mussten also ohne Zwielicht, Fokussierung oder auch nur irgendeine noch so geringe Veränderung der Beleuchtung auskommen.
Aber damit kann man notfalls leben.
Dass sich nach den Weihnachtstagen auch am Theater soviel Müll angesammelt hat, dass Schätze schon durch Tüten symbolisiert werden müssen, die durch das Stück hindurch zweimal vollständig von A nach B und von B nach C umgeschichtet werden – Unter angemessenem Geraschel – ist entnervend.
Als Gymnasiastin schossen mir zwar unwillkürlich außerordentlich gesellschaftskritische Ideen, wie „Konsum“ oder „Uniformität“ durch den Kopf, was die mit Wagners Rheingold zu tun haben, blieb mir aber ein Rätsel.
Doch bevor ich mich hier in all diesen Nebensächlichkeiten verliere, endlich die Hauptfrage, sozusagen das Feierabendquiz:
Haben sich die Verantwortlichen jemals auch nur eine halbe Stunde mit dem Stoff auseinander gesetzt?
Mir ist nicht fremd, dass Vielen die zahlreichen Mythen um Asen, Wanen und Riesen heutzutage eher unzugänglich erscheinen und auch, dass sie nach dem zweiten Weltkrieg unter einem schlechten Ruf standen, aber wenn man von den Geschichten so rein gar keine Ahnung hat und wohl auch nicht haben möchte, soll man doch bitte auch nicht versuchen sie zu interpretieren.
Es geht nämlich in die Hose.
Ich bin weder eine Anhängerin des Asatru, noch behaupte ich auf diesem Gebiet überdurchschnittliches Wissen zu besitzen, aber ich beschäftige mich seit über fünf Jahren mit diesen Erzählungen und auch wenn Wagner mit Sicherheit damals die Charaktere sehr frei gestaltete, waren mir einige Figuren wortwörtlich zuwider.
Wotan als barbarischen Rocker zu gestalten scheint mir der erste und beste Beweis für eine grauenhafte Bildunglücke.
Um Wotan (oder besser: Wagner) zu zitieren:
„Durch Vertrag zähmt’ ich ihr trotzig Gezücht „
So spricht Wotan zu Beginn des zweiten Bildes.
Während der Gott, welcher einst neun Tage litt, um den Menschen die Schrift zu bringen (Runenlied: „Runen wirst Du finden und Ratestäbe [...] Sie ritzte der hehrste der Herrscher. „) also darüber sinniert, dass er durch Schrift die niederen Wesen überlistete und sich zu Diensten machte, schärft er in Freiburg nur etwas beleidigt seinen Speer.
Fricka, seine sorgenvolle Ratgeberin, wirkt eher wie die leidige Gattin mit Migräne.
Und an dieser Charakterisierung scheint sich weiter leider auch nichts mehr zu ändern.
Die sinnlichen Rheintöchter gleichen mehr minderjährigen Tennisspielerinnen, so dass Alberich einem höchstens pädophil erscheint.
Loki schließlich, der eigentlich schöne, verführerische Gott, der nicht nur in diversen Gestalten bezirzt, sondern auch listige Ratschläge zu geben weiss und Wotan selbst an Schläue kaum nachsteht, wirkt wenig schwungvoll und erinnert an einen LKW-Fahrer, der träge seine Lebenserfahrung mitteilt und dann hin und wieder ein rotes Käppchen (ich hätte es ihm irgendwann gerne einfach weggenommen!) zurecht schiebt.
Andere Gestalten erscheinen so uninteressant und flach, dass sie der Kritik schon gar nicht mehr wert sind.
(Da war noch eine Freya, richtig?
Ach, wichtige Liebesgöttin und Schlüsselfigur?
Gar nicht mitbekommen…
- Über ihre komplexen Ursprünge will ich hier gar nicht anfangen, es wäre im Vergleich zu schmerzhaft)
Zuletzt noch einen Kommentar über das Bühnenbild: Nö.
Essentiell verantwortlich dafür, dass ich Teile der Vorstellung nur mit geschlossenen Augen genießen konnte und in anderen die Minuten zählte. (Ermordung des Alberich: Abgehakt, Erscheinen der Norne: Abgehakt – Hach, vielleicht endet’s bald!)
Tut mir leid, aber dieses Vergehen an großartiger Musik und ungewöhnlicher Handlung bereitet mir wohl noch einige Zeit Schmerzen.
Literaturempfehlungen:
Felix Grenzmer: Thule (~1914)
Rudolf Simek Kröner: Lexikon der germanischen Mythologie (1984)